Sichere Bindung – der Schlüssel zu seelisch gesunder Entwicklung

Jedes Kind sehnt sich nach einer liebevollen und verlässlichen Bindung zu seiner Mutter und seinem Vater. Das Einfühlungsvermögen der Eltern und ihre Antwortbereitschaft auf die kindlichen Bedürfnisse entscheiden darüber, ob sich ein Kind sicher genug fühlt, um sich in seiner weiteren Entwicklung nach und nach auf Erkundungstouren in die weite Welt hinauszuwagen.

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Für die kindliche Persönlichkeitsentwicklung braucht es daher mindestens eine verlässliche Bindungsperson: Erstens lernt das Kind durch die Bindungsperson: „Es gibt Menschen, denen kann ich vertrauen oder eben nicht.“ Denn wenn eine Person das Kind zuverlässig versorgt und beschützt, für das Kind da ist, gewinnt es die Zuversicht, dass auch andere Personen liebevoll und ihm zugeneigt sein können. Es bekommt das Grundvertrauen, dass ein anderer Mensch ein guter Mensch ist. An vernachlässigten Kindern sieht man hingegen, dass sie voller Misstrauen sind und in dem Glauben aufgewachsen sind: „Jeder ist gegen mich!“. Diese Grundlagen werden vor allem in den ersten zwei Jahren gelegt.

Zweitens sorgt die verlässliche Zuwendung der Bindungsperson vor allem dafür, dass das Kind in Stress- oder Angstsituationen den Stress wieder abbauen kann. Die Neurobiologie und die Neurohormonforschung haben nachgewiesen, dass das Kind, wenn es Angst hat, genau zu der Person geht und sich ankuschelt, der es vertraut (Bindungsverhalten). Dadurch wird der Stress reduziert, die Angst geht weg, das Cortisol wird eingedämmt und der Herzschlag wird zurückgefahren. Wenn dem Kind allerdings niemand verlässlich beisteht, ist auf seinem neurobiologischen und neurohormonalen Wege Krankheit vorprogrammiert, weil sein Stresslevel dauerhaft erhöht ist. Für das Kind kommt es darauf an, „jemand hat mich verstanden und erkennt, wenn es mir nicht gut geht oder unterstützt mich darin, wenn ich etwas machen will“.

Sicher gebunden wird ein Kind, indem man ihm das Gefühl gibt, wirklich zuzuhören und dem Kind angemessen antwortet. Wenn ein Kind ein Jahr alt ist und ich sage „Ich komme gleich wieder“, versteht das Kind nicht, was gemeint ist. Wenn es aber zwei Jahre ist und erste Zeitworte wie „gleich“ und „jetzt“ schon verstanden hat, weiß es, die Mama geht nicht ewig weg. Es braucht immer eine Antwort, auch wenn die Antwort dem Kind nicht immer gefällt. Zum Beispiel, wenn die Antwort lautet: „Ich habe dich gehört, aber ich muss erst den Kochtopf vom Herd nehmen“. So zeigt man ihm „Du bist es mir wert, dass ich dir zuhöre“.

 

Diplom-Psychologin Dr. Karin Grossmann und Prof. Dr. Klaus E. Grossmann sind Vorreiter auf dem Gebiet der Bindungsforschung. Sie konnten im Rahmen einer umfassenden Langzeitstudie deutlich machen, unter welchen Bedingungen sich Kinder in ihren Familien seelisch gesund und psychisch sicher entwickeln können.

 

 

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