Der Berufsstand der Hebammen und somit auch unsere komplette Geburtskultur ist in Gefahr

Weil es nicht egal ist wie wir auf die Welt kommen...

Viele freiberufliche Hebammen orientieren sich um, Geburtshäuser schließen und einige Krankenhäuser lösen zum Teil ihre Geburtshilfestationen auf. Mehr und mehr Frauen kommen so auf weniger und weniger Hebammen. Mittlerweile entbinden fast die Hälfte aller Frauen in Großkliniken, die mehr als 800 Betten haben. Dabei ist die Geburt eine äußerst private Angelegenheit und je persönlicher die Atmosphäre und Betreuung während der Geburtsphase ist, desto besser ist dies für den Geburtsverlauf.

 

Abb: © Claudia Weidemann

Warum all dies so gekommen ist?

In erster Linie ist es eine Kostenfrage. Es ist nahezu unmöglich geworden, eine Geburt zu versichern. Tritt ein Versicherungsfall ein – sprich ein Kind benötigt aufgrund eines (extrem seltenen!) Behandlungsfehlers lebenslange Pflege –, so sprengt dies das komplette Budget der Haftpflichtversicherung, sind doch die technischen Möglichkeiten in der medizinischen Betreuung und Pflege besser, aber zugleich auch teurer geworden. Zudem forden sowohl die Eltern des Kindes als auch die Kranken- und Pflegeversicherungen immer stärker und über einen immer längeren Zeitraum ihre Rechte ein. Für die Haftpflicht ist daher bereits ein Einzelfall in Millionenhöhe ein Hochrisikofaktor geworden, der wirtschaftlich nicht tragbar ist.

 

Wirtschaftlich nicht tragbar …

… ist vor allem auch die Situation der Hebammen, die diese preistreibende Entwicklung in den letzten Jahren mit extrem hohen Versicherungsprämien zu spüren bekommen. Waren es 2004 noch 1.352 Euro, so sind es zehn Jahre später über 5.000 Euro, was in keinem Verhältnis zu den Einnahmen steht. Und es kommt noch schlimmer: Da die Nürnberger Versicherung als einer der Hauptversicherer aus dem Versicherungskonsortium des Deutschen Hebammenverbandes angekündigt hatte, zum 1. Juli 2015 auszusteigen, drohte das endgültige Versicherungs-Aus. Auf politischen Druck hin konnten Ersatzversicherungen gefunden werden, die die Hebammen noch bis Mitte 2016 mitversichern. Aber wie es dann weitergeht, ist bislang noch nicht geklärt. Weil es nicht egal ist, wie wir auf die Welt kommen… Der Berufsstand der Hebammen und somit auch unsere komplette Geburtskultur ist in Gefahr. Redaktion 47 Im Gespräch sind unter anderem das Schaffen eines Haftungsfonds, das Durchsetzen von Regressverzichten seitens der Kranken- und Pflegekassen gegenüber den Haftpflichtversicherungen, um die Preisspirale zu durchbrechen, die Akademisierung der Hebammen sowie Änderungen in der Gesetzgebung.

 

Der Hebammenberuf vor dem Aus?

Fest steht, ohne Versicherung dürfen Hebammen nicht arbeiten – und das wiederum bedeutet, dass das Wissen um natürliche Geburten, Geburten abseits von Kaiserschnitt, medizinischen Interventionen und „Schichtbetrieb“ peu à peu verloren geht. „Es wäre schlimm, wenn es für unsere Kinder und Kindeskinder keine Möglichkeit mehr gäbe, eine ,physiologisch normale‘ Geburt zu erleben“, so Dr. Christine Bruhn vom Geburtshaus Charlottenburg. Aber die Zeichen der Zeit gehen auch am ältesten Geburtshaus Deutschlands nicht spurlos vorbei. „Wir müssen in unserem Geburtshaus viele Anfragen nach Geburtsbegleitung ablehnen, weil auch wir nicht mehr voll besetzt sind. Dabei ist die 1:1-Hebammenbetreuung ein wesentlicher Garant für Sicherheit und Qualität der Geburt.“ So kann bei außerklinischen Geburten mehr auf das mütterliche Befinden eingegangen werden, was zur Folge hat, dass weniger Geburtseingriffe nötig sind. Denn meist zieht eine Intervention die nächste nach sich, weil der hochsensible natürliche Geburtsvorgang schnell aus dem Gleichgewicht gerät.

 

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Frau Dr. Bruhn wünscht sich daher wie so viele ihrer Kolleginnen, dass unsere Gesellschaft wachgerüttelt wird und sich für die normale Geburt als wichtiges Kulturgut einsetzt und damit auch für die Hebammen. Um das Thema „Normale Geburt“ verstärkt im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu verankern, hat jetzt der Förderverein „Normale Geburt“ zusammen mit dem Netzwerk der Geburtshäuser und dem Erzählcafé „Der Start ins neue Leben“ eine deutschlandweite Kampagne ins Leben gerufen. Vom 25. bis 27. September 2015 wird in Form von zahlreichen Veranstaltungen, Kinovorführungen, Ausstellungen, Vorträgen und Workshops – auch in Berlin und Potsdam! – darauf aufmerksam gemacht, was Geburt eigentlich bedeutet. So ist es für den Bindungsaufbau zwischen Mutter und Kind von elementarer Bedeutung, dass die Hebammen auch in Zukunft den schwangeren Frauen dabei helfen können, selbstbestimmt und frei von unbegründeten Ängsten ihre Kinder zu gebären. Es ist eben nicht egal, wie wir auf die Welt kommen…

 

Vielleicht wäre die Gründung einer Hebammen-Genossenschaft die Lösung?

Die Redaktion regt an, dass sich die Hebammen zusammenschließen, um sich untereinander selbst zu versichern. So könnten sie ihre bisherigen Abhängigkeiten mindern und ihren Beruf gemeinsam in die Zukunft tragen. Denn was einer alleine nicht schafft, schaffen viele gemeinsam… Simone Forster